Riisitunturi Nationalpark: Wunderland aus Schnee und Eis (German)
- Nicole Katharina Schober

- Apr 5
- 5 min read
Updated: 2 days ago
Stell dir vor, du könntest dir die staunenden Augen eines Kindes für immer bewahren. Augen, die etwas zum ersten Mal betrachten – unvoreingenommen, voller Neugier und Funkeln. Würde es deinen Blick auf die Welt verändern?

Knapp unterhalb des Polarkreises im südlichsten Zipfel finnisch Lapplands liegt nahe der russischen Grenze der Riisitunturi Nationalpark, verborgen in einem Fleckchen unberührter Natur.
Es ist eine Landschaft, die im Winter ihresgleichen sucht. Eine Wunderwelt aus kunstvollen Baumgestalten, surreal und eingefroren in der Zeit.
„Tykkylumi“ heißt das Phänomen auf Finnisch, das für eine dicke Schicht aus Schnee und Eis steht, die sich bei starkem Frost und hoher Luftfeuchtigkeit an die Kiefern und Fichten krallt. Nicht viele Orte auf der Welt schaffen Bedingungen wie diese, und genau deshalb fesselt mich die Vorstellung sofort, als ich von ihr erfahre.
Es ist ein früher Morgen im Januar. Der Duft von neuen Kapiteln und Abenteuern liegt in der Luft.
Wir sind nach Finnland gereist, um herauszufinden, wie beeindruckend die vereisten Bäume wirklich sind.
Der Wetterbericht hat eine Kältewelle vorausgesagt. Der Außenfühler des Mietwagens misst nahezu sekündlich eine neue Tiefsttemperatur. Schon bei der Anfahrt zum Ausgangspunkt unserer Wanderung steht fest: Das wird der kälteste Tag meines Lebens!
Bei dem Gedanken daran läuft mir ein Schauer über den Rücken. Nicht vor Kälte, sondern weil ich so überwältigt davon bin, gleich etwas zum ersten Mal zu erleben.
Als wir auf dem Parkplatz halten, kommt das Thermometer bei -43 °C zum Stillstand. Ich steige aus dem Auto und merke sofort: Ich habe Bock! Ich habe Bock, in der Kälte zu wandern, ich habe Bock, in der Kälte zu atmen, ich habe Bock, in der Kälte zu sein!
Wir holen unsere Schneeschuhe aus dem Kofferraum, ich spanne sie mir unter die Füße und schultere meinen Rucksack. Die Kamera bleibt erst einmal gut eingepackt – zu unsicher bin ich, wie sie die extreme Temperatur verträgt. Die Ersatzakkus trage ich am Körper, um zu verhindern, dass sie sich entladen.
Erfreulicherweise hatte zuhause noch eine Sturmhaube einen Platz in meinem Koffer gefunden. Ich streife sie mir über das Gesicht, setze mir eine dicht gestrickte Mütze auf und ziehe die Kapuze meiner Jacke darüber. Die Lagen an meinem Körper sind mittlerweile vielzählig und so komme ich auf drei Paar Socken und zwei Paar Handschuhe. Der Aufwand lohnt sich, ich fühle mich wie an einem lauen Wintertag in good old Germany.
Schon bei den ersten Schritten durch ein verwunschenes Wäldchen inmitten groß gewachsener Fichten, die kerzengerade in den Himmel ragen, merke ich, wie es in meinem Kopf leise wird und ich tief in das Wunderland eintauchen kann. Auch Vorstellungen und Erwartungen weichen dem Weg – ich bin trotz Gepäck schwerelos.
Dieser Morgen bringt uns trockene Kälte, die nicht in die Ärmelöffnungen kriecht, um meine Härchen herauszufordern, sich aufzustellen. Es ist absolut windstill und der Himmel sorgenfrei. Um halb elf ist die Sonne kurz davor, über den Horizont zu steigen. Ich kann diesen Moment kaum erwarten, da sie sich zu dieser Jahreszeit für gerade einmal drei Stunden zeigt. So schafft sie es nicht hoch hinaus, was dazu führt, dass die Landschaft beständig in ein pastellfarbenes Sonnenauf- und ‑untergangslicht getaucht wird. „Cotton Candy Season“ nenne ich diese Erscheinung, in der es sich durch die verschneite Umgebung anfühlt, als würde man durch ein Schlaraffenland aus pinker und orangefarbener Zuckerwatte wandeln.
Nachdem wir eine Wildnishütte links liegen lassen haben, gönnen wir uns erst kurz unterhalb des höchsten Punktes, nach einer guten Stunde und moderater Anstrengung, eine Pause. Durch den Lagenlook ist mir sehr warm geworden und ich merke, wie mir etwas Wasser den Rücken hinunterrinnt. Da es fatal wäre, mich an der Stelle von einer Lage zu befreien, verwerfe ich die Idee sofort und fühle mich nach wenigen Minuten schon wieder angemessen gekleidet. Glücklicherweise haben wir daran gedacht, die Trinkflasche verkehrt herum in den Rucksack zu stecken. Da die Oberfläche zuerst gefriert, war das einer der guten Pläne. Bereits die Hälfte des Inhalts hat ihren Aggregatzustand von flüssig zu fest gewandelt. Es tut gut, etwas zu trinken, obwohl das Wasser lange nicht mehr wohltemperiert ist und fast wehtut, als es meine Kehle hinunterläuft.
Plötzlich kitzelt ein warmer Sonnenstrahl meine Nase und die Landschaft beginnt, sich in eine neue Farbe zu tauchen. Wir machen uns an die letzten Höhenmeter, um jede Minute des Lichts auf dem Gipfel des Hügels genießen zu können.
Als ich den Blick vom schneebedeckten Boden richte, überkommt mich Gänsehaut am ganzen Körper. Kurz bekomme ich meine Gefühle kaum geordnet, weil sie neu sind und mit nichts vergleichbar. Vor mir türmt sich eine riesige Armee von Schneemonstern in massiven Eispanzern auf. Doch auf den ersten Blick erkenne ich: Es sind sanfte Riesen, die mir da entgegenstarren. Ich nähere mich ihnen langsam mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund. Meine Füße fühlen sich an, als würden sie ihre ersten Schritte machen. Viele Jahre ist es her, dass ich als Kind das letzte Mal so gestaunt hatte. Es ist ein Moment, in dem ich die Verbindung zu mir und zu der Welt finde. Ein Moment der Unbefangenheit und Reinheit, in dem ich auf einmal wieder daran glaube, dass Wunder wirklich wahr werden können.
Ich nehme mir bewusst Zeit, bevor ich meine Kamera aus ihrer sicheren Verpackung löse, um dieses Gefühl zu verinnerlichen und wie einen Schatz zu bewahren.
Die Aussicht in alle Richtungen ist endlos und wir sind komplett allein. Wie auf einem anderen, einem neuen Planeten, dessen Entdeckung wir gerade erst gemacht haben. Niemand, der zuvor seine Spuren hinterlassen hat. Der Schnee ist unberührt und frei von Fußabdrücken. Es ist stumm wie in einem Vakuum, in dem sich kein Schall fortpflanzen kann.
Ich setze den Rucksack ab und nehme meine Kamera in die Hand. Auch sie erhält eine Schutzhülle, damit ich sorglos fotografieren kann. Fast ein bisschen unbegründet, denn sie macht einen fantastischen Job und gerät nicht einmal an ihre Grenzen. Das ermöglicht es mir, mein besonderes Gefühl nicht nur in mir zu tragen, sondern es für alle sichtbar zurückzubringen.
Als sich die Sonne ihren Weg in die Unsichtbarkeit bahnt, beschließen wir, zur Wildnishütte umzukehren, um draußen ein Feuer zu machen, eine Veggie-Wurst zu grillen und auf den Sternenhimmel zu warten.
Im Schutz der Dunkelheit wollen wir den Gipfel erneut erklimmen, da die Neugier auf die verzauberte Landschaft zu groß ist. Als hätte uns die Natur nicht schon reich genug beschenkt, ist Vollmond, und ich stelle mir den Anblick der Schneeriesen atemberaubend vor, wenn sie nur noch vom Licht des Mondes angepriesen werden.
Die Kälte zieht weiter an und trotz der wärmenden Flammen gewinnen nicht nur die Eiszapfen am Dach der Hütte an Länge, sondern auch die in unseren Gesichtern. Meine Wimpern hatten sich schon auf dem Hinweg von Natur aus verlängert und weiß gefärbt. Ohne, dass wir uns bewegen, halten wir es nicht sehr lange aus. Meine Füße beginnen zu schmerzen und immer wieder krümme ich meine Zehen, um sie bei Laune zu halten. Daher sind wir froh, als die Nacht über den Tag hereinbricht.
Wir löschen die Feuerstelle, packen die Rucksäcke erneut und beginnen den Aufstieg von vorne. Unsere eigenen Spuren als Orientierung zu nutzen, während uns das Mondlicht die Richtung weist, beschleunigt die Strecke bei eingeschränkter Sicht.
Die Armee der friedlichen Schneemonster steht an Ort und Stelle, regungslos und noch eindrucksvoller als zuvor. Mich überkommt ein episches Gefühl, das mich unter dem funkelnden Himmelszelt in seinen Bann zieht und weit hinaus in eine fremde Galaxie trägt.
Ich bin davon überzeugt, dass uns die Natur Wunder lehren und Hoffnung geben kann.
Oft sind es die kleinsten und vermeintlich unscheinbarsten Dinge, in denen das größte Staunen liegt.
Wir sehen nur nicht genau hin oder nehmen uns nicht die Zeit, um genau hinzusehen. Doch wer es tut, wird feststellen, wie heilsam es ist, seinen Blick auf das Wesentliche zu richten und seinen Fokus zu schärfen.
Eine Schneeflocke, die vom Himmel fällt, besitzt die Kraft, die ganze Welt anzuhalten – wenn du sie lässt!












































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